im November

Mila Haugová: Wintertelefon

 

Bedeckt von einem kleinen Grasbüschel

Klingelt es aus der Erde

 

Entkleidete Sterne und

Gräser stützen sich

 

Auf unsere verletzten Instinkte

Wir helfen wie wir können

 

Suchen alle verloren gegangenen Signale

Drähte verflochten mit Pflanzenwurzeln

 

Stehen schweigend aus der Erde Wir kehren zurück

Zur direkten Rede: "sag das nie wieder"

 

Die Antwort kriecht schließlich doch

Noch an: "ich weiß was du denkst"

 

Und dann stehst du mit einem Hut wunderschön

Auf der Brücke in Miskolc im Jahr 1941

 

Noch vor mir und ohne Vater

Das Foto weiß davon nichts

 

So sehr glaubst du an dich lehnst

Dich auf ein Geländer das es nur

 

In dir gibt

 

aus: Schlaflied wilder Tiere. Edition Korrespondenzen, Wien 2011

 

 

im Oktober

Brigitte Oleschinski: Angezündet

 

auf der Nachtfrequenz, wenn in den Straßen draußen die Ampeln

von Grau nach Grau schalten und niemand anhalten darf

im Schlaf

 

der Vernunft, über der die dumpfen

 

Kondensatwerte flackern, leckt dir eine Stimme

ins Ohr wie ein singender, saugender

 

Muskel

 

 

aus: Your Passport is Not Guilty. Rowohlt Verlag, Hamburg 1997

 

 

im September

Unica Zürn: Der einsame Tisch

 

Ich, der einsamste
mischt seine Ader
mit Aschen. Sei der
reisende Mast – ich
reise Nachts. Meid’
ach meid’ sie, ernst
ist der Name ICH −
es ist Rache. Mein des
Samtes Reich, Dein
der einsame Tisch
im Dache. Erst Eins?
Stein, ich rede, Sam-
Simae-Strich. Ende
ich, endet es. Simar,
Simae, Streich’ den
Strich am Ende. Eis
im Tisch. Rasende,
Einsamste ich der
Erde. Ein Mast sich
richte im Seesand,
der einsame Tisch.

 

Unica Zürn: Gesamtausgabe, Bd. 1: Anagramme. Brinkmann & Bose, Berlin 1988

 

 

im August

Christine Lavant: Ich bin ein einfaches und durchtriebenes Geschöpf

 

Ich bin ein einfaches und durchtriebenes Geschöpf.

Du hast wohl Hauswurz gekaut und Mohnsud getrunken

wie du dabei warst mich auszuatmen Herr Vater?

Nun meinst du es würde noch alles gut

wenn du mich anstellst am Distelacker

und Kieselsteine herunterwirfst

- ich weiß nicht Herr Vater - ich weiß nicht!

Ich pfeife den Disteln ein Tulpenlied vor

und schiele unter dem Sonnenstich pflückend

hinüber zum wolkigen Wechselbalgteich

derweilen meine verwunschenen Augen

mit allen Wassern sich waschen.

Ich weiß bloß, dass du kein Bälgchen mir schenkst

aus Angst ich könnte die Disteln verzaubern

und Hauswurz kochen und allmächtig sein

- ich weiß nicht Herr Vater - ich weiß nicht!

 

 

Christine Lavant: Gedichte aus dem Nachlass. Wallstein Verlag, Göttingen 2017

 

 

im Juli

Wolf Wondratschek: Death Valley

 

Die Straße ging immer gerade aus.

Ich summte immer die gleiche Melodie.

Ich fühlte den Dreck von hundert Zigaretten

auf der Zunge. Ich fuhr einen alten Chevy.

Der Wind pfiff durch alte Zahnlücken.

Links und rechts die Wüste,

das Ende der Menschheit,

eine Schöpfungsgeschichte ohne Gott,

Steine, kleine Hasen und das Schild

LAS VEGAS 78 MEILEN.

Ich freute mich schon

auf´s Verlieren.

 

 

Wolf Wondratschek: Die Gedichte, btb 1998

 

 

im Juni

Wallace Stevens: The Hand as a Being

 

In the first canto of the final canticle,

Too conscious of too many things at once,

Our man beheld the naked, nameless dame,

 

Seized her and wondered: why beneath the tree

She held her hand before him in the air,

For him to see, wove round her glittering hair.

 

Too conscious of too many things at once,

In the first canto of the final canticle,

Her hand composed him and composed the tree.

 

The wind had seized the tree and ha, and ha,

It held the shivering, the shaken limbs,

Then bathed its body in the leaping lake.

 

Her hand composed him like a hand appeared,

Of an impersonal gesture, a stranger´s hand.

He was too conscious of too many things

 

In the first canto of the final canticle.

Her hand took his and drew it near to her.

Her hand fell on him and the mi-bird flew

 

To ruddier bushes at the garden´s end.

Of her, of her alone, at last he knew

And lay beside her underneath the tree.

 

 

Wallace Stevens: Teile einer Welt. Ausgewählte Gedichte. Jung und Jung 2014

 

 

im Mai

Michael Krüger: Auch der Tod ist nur eine Anspielung auf das Leben

 

Du fragst mich, wie der Wunsch

auf die Welt kommt, der unbewohnte

reine Wunsch, der sich nicht füttern

läßt mit der Idee vom wahren Leben.

Der nicht herausfällt aus den ein-

gesessnen Augen und vor dir sitzt

und auf Befehle wartet. Der für ewig

getrennt ist von deinem Körper,

der keine Aussagen macht über dich

und dein aufgeräumtes Leben. Der Hand

an die Träume legt und nicht versponnen

ist in die Farbe der Hoffnung.

Der das Jahrhundert bespringt, bevor

es sich aufgibt. Im Namen der Zeit

soll er reden, im Namen des Wassers,

im Namen des Großen Stromes. Aus

der Erde soll er springen und die Welt

soll er schlaflos machen ohne Anruf.

Was soll ich dir sagen? Der Wunsch,

eine Antwort zu kriegen, erstickt

für immer die Quelle. (Du weißt doch,

auch der Tod ist nur eine Anspielung

auf das Leben.)

 

 

Michael Krüger: Hellwach gehe ich schlafen. Hundert Gedichte.

Suhrkamp, Berlin 2016

 

 

 

im April

Ted Joans: NUDE

 

When joyce mansour / when jayne cortez

     then The Nude shall descend

             The Staircase

When mimi parent / when marie wilson

     then The Nude shall descend
             The Staircase

When penelope rosemont / when frida van crevel

     then The Nude shall descend

             The Staircase

When manina / elisa / margueritta / and toyen

     then The Nude shall descend

             The Staircase

Holding the jungle by the hand

Disrobing the desert of its frosty midnight robe

Tickling the icebergs shy surface buttocks

Then / When the NUDE shall descend the staircase

 

                        76 Philadelphia

(from STRESS ATEMPORAL ACTIVITY poems)

 

 

Ted Joans: The Aardvark-Watcher. LCB-Editionen, Berlin 1980

 

 

 

im März

Lioba Happel: Mein Vater ist so sicher zur Zypresse gegangen

 

Mein Vater ist so sicher zur Zypresse gegangen

Im Handumdrehn sitzt eine Katze im Baum

 

Die Katze ist klug sie will mit ihm sprechen

Mein Vater bleibt stehn und blickt schweigend zu Boden

 

Sie sind gleichgültig dort sie bleiben für immer

Es ist gut dass die Katze meinem Vater gefolgt ist

 

Er kann nicht verstehen was ihr Reden bedeutet

Ich aber darf ihn nicht mehr umarmen

 

Er horcht jetzt auf den Mond ich öffne den Mund

Ein Laut fließt vom Rand des gemeinsamen Denkens

 

Durch seine Knochen bis tief in den Boden

Der Laut wird zum Wort das uns immer in Schach hielt

 

Mein Vater ist so sicher zur Zypresse gegangen

Jetzt ist er fort

 

Ich greif mir die Katze

Ich höre auf ihn zu rufen

 

 

Liopba Happel: land ohne land. edition pudelundpinscher, Unterschächen 2009

 

 

im Februar

Bertolt Brecht: Geh ich zeitig in die Leere

 

Geh ich zeitig in die Leere

Komm ich aus der Leere voll.

Wenn ich mit dem Nichts verkehre

Weiß ich wieder, was ich soll.

 

Wenn ich liebe, wenn ich fühle

Ist es eben auch Verschleiß

Aber dann, in der Kühle

Werd ich wieder heiß.

 

 

Bertolt Brecht: Gesammelte Werke 10. Gedichte 3. werkausgabe edition suhrkamp

Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1967

 

 

im Januar

Andreas Altmann: und jetzt

 

angekommen nach jahren,

in denen man seinem schatten nicht glaubt.

dann gehst du im frostlicht des morgens.

das laub bricht jeden schritt,

die augen öffnen die verschlossenen kammern

in deinem gedächtnis. du wunderst

dich nicht, daß sie ausgeräumt sind.

nur ihr geruch ist dir fremd, für sekunden,

für jahre oder die zeit nach deinen worten.

an so einem morgen denkt man an nichts.

nichts, was du siehst, braucht deine augen.

du blickst in den himmel. den ersten schnee

soll es am nachmittag geben. lange

bleibst du so stehen.

 

 

aus: Poesiealbum 324 - Andreas Altmann. MärkischerVerlag, Wilhelmshorst 2016