im September

Volker Sielaff: Ventilator

 

Manche Dinge sind nur dazu da sich in meinem

     Kopf

mit "etwas" zu verbinden und zusammengezogen

     eine Erinnerung

zu ergeben, die mich diese Dinge niemals

     vergessen lässt,

 

als ob du deine Hand darauf gelegt hättest,

und sie damit um eine entscheidende Möglichkeit

     verlängert, diese

 

kreiselnde Luftbewegung des Ventilators über

     uns, ich wünschte sie hätte

          noch eine Chance.

 

 

aus: Selbstporträt mit Zwerg. Christian Lux Verlag, 2012

 

 

im August

Barbara Köhler: Body and Soul

 

Die Angst ist ein Muttermal & hinterrücks

unbegreiflich ein Loch das zu Herzen geht

durch & durch eine Schwärze der Krebsgang

in die Kindheit die Angst ist die Mutter

aller Dinge deren Vater der Krieg ist der

Lauf den das Projektil nimmt heißt Seele

sagen Soldaten in dieser Sprache hat jede

Schußwaffe ihre Bestimmung ist Beseelung

ein Hohlraum ein Wundkanal ist die Angst

zwischen den Schulterblättern wenn du ihr

den Rücken zukehrst wird sie dich treffen

 

 

aus: Blue Box. Gedichte. Suhrkamp Verlag Frankfurt a.M. 1995

 

 

im Juli

Daniela Seel: Träumte wieder

 

Träumte wieder von Unterwerfung.

 

Momente völliger Reglosigkeit.

 

Woher all die Wasser?

 

Nebel, Gischt, Wolken, Firn, Eis, Regen, Schnee -

 

In ihre Dichte eintreten.

 

Die leer ist. Endloses Schwingen darin.

 

Übt mich in Positionierung.

 

Überempfindlich. Nicht empfindlich genug.

 

Träumen Vögel vom Ufer? Oder von ihrem Ozeanflug?

 

Aus meiner Hand steigen Raben.

 

Ihre Augen schauen, mehr als meine, nach Ländern hinter dem Meer.

 

 

aus: was weißt du schon von prärie, 2. Auflage 2016, kooksbooks, Berlin

 

 

im Juni

Christian Uetz: Du piesackende Mücke

 

lässt mich nicht schlafen. Aber

da es Zeit, stichst du aus dem Gedanken,

der in allem nicht ist. Und schon bleibst du nimmer

nur ein Wort, und mit einem Schlag stirbst

als mein eigener Tropfen unerwartet

und unerwacht

aus mir aus.

 

 

aus: Engel der Illusion. Gedichte. Seccession, Zürich 2018

 

 

im Mai

Jürgen Becker: Nicht für immer

 

Am Hoftor drehe ich mich noch einmal um.

Aber du stehst nicht wie sonst am Fenster

und winkst mir nach. Das Fenster bleibt zu.

Sicher, es gab Streit, und wortlos bin ich

zum Wagen gegangen. Streit wegen, nun ja,

jetzt wegen der Regentonne, die einen Riß hat,

den ich nicht dichtmachen kann. Regen ist

angesagt; der Regen bleibt weg, nein, nicht für

immer, und die Johannisbeeren müssen vom Strauch.

 

 

Christoph Buchwald, Mirko Bonné (Hg.):

Jahrbuch der Lyrik 2019, Schöffling & Co., Frankfurt a.M. 2019

 

 

im April

Suzanne Knowles: Fox Dancing

 

Tall as a floxglove spire, on tiptoe

The fox in the wilderness dances;

His pelt and burnished claws reflect

The sun´s and the moon´s glances.

 

From blackberry nose to pride of tail

He is elegant, he is gay;

With his pawsteps as a pattern of joy

He transfigures the day.

 

For a hat he wears a rhurbarb leaf

To keep his thinking cool,

Through which his fur-lined ears prick up.

The fox, he is no fool

 

And does not give a good-morning

For the condition of his soul:

With the fox dancing in the desert

Study to be whole.

 

 

aus: The Rattle Bag. Edited by Seamus Heaney and Ted Hughes

Faber and Faber, London and Boston 1982

 

 

im März

Richard Pietraß: Physik

 

 

Die Wahrheit ist ein Gefängnis ohne Mauern

 

Der Himmel ist blau von gespaltenem Licht

 

Auf gespanntem Wasser schwimmt noch die Nadel

 

Die Liebe verwandelt Blut in Freude

 

Freiheit spür ich im Fall

 

 

aus: Weltkind. Gedichte. Reclam, Leipzig 1990

 

 

im Februar

Lavinia Greenlaw: The Spirit of the Staircase

 

In our game of flight, half-way down
was as near mid-air as it got: a point
of no return we'd fling ourselves at
over and over, riding pillows or trays.
We were quick to smooth the edge
of every step, grinding the carpet to glass
on which we'd lose our grip.
The new stairs were our new toy,
the descent to an odd extension,
four new rooms at flood level
in a sunken garden — a wing
dislocated from a hive. Young bees
with soft stripes and borderless nights,
we'd so far been squared away
in a twin-set of bunkbeds, so tight-knit,
my brother and I once woke up finishing
a conversation begun in a dream.
It had been the simplest exchange,
one I'd give much to return to:
the greetings of shadows unsurprised
at having met beneath the trees
and happy to set off again, alone,
back into the dark.

 

 

im Januar

Christian Morgenstern: Das Mondschaf

 

Das Mondschaf sagt sich selbst gut Nacht,

d.h., es wurde überdacht

von seinem eignen Denker:

Der übergibt dies alles sich

mit einem kurzen Federstrich

als seinem eignen Henker.

 

 

aus: Sämtliche Galgenlieder. manesse im dtv, München 1995