im November

Urs Allemann: Targets

 

Da lag ich am Boden. Ein Stück Prosa aus Bisonzähnen. Das Maschinengewehr

täuschte eine Ohnmacht vor. Demontiert dementiert das

schiessende Tier. Gedichte/Rabenstaffeln

hocken auf allem was in Kuhbubengarden

rumsteht, unerinnerbar.

 

Überfall. Sperr- Stör- Strohfeuer. Löschwasserspiele

hinter/vor

Babyhaut Büffelfell Klappvisier Uniformfetzen.

 

O lasst mir Horn und Huf. Macht

die Verwesungsprobe aufs Ohr auf andre Weichteile -

Stimmen, unentstanden.

 

Schallstern.

 

Fixschnuppe.

 

Da.

 

"Was gedenken Sie gegen die Schwerkraft zu tun?"

"Aufflattern, hoch, Sie irreparabler Gesang!"

"Das letzte Loch sind Sie. Ihr Pfiff auf Ihnen."

 

Alle Vernichtungsziele währen. Zwei Schwanz-

breit über der Erde wird kreativ weitergestorben.

 

 

Urs Allemann: schoen!schoen! Gedichte.

Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein/Wien 2009

 

 

im Oktober

Nadja Küchenmeister: Morgenschauer

 

nebel überfällt die berge wie im flug und schleicht

metallisch um die spitzen karger bäume. der morgen

ist von tau zerfressen, leckt an einem straßenschild.

 

dein tier ist wach und lauscht dem rauschen in den

pappeln. von krähen schwer beladen sind die masten

eine schwarze fracht. und ein geräusch ist in den lüften

 

als würde jemand in der ferne särge putzen, schon die

halbe nacht. die dumpfheit alter schauermärchen, alter

lieder. dein tier liegt ausgestreckt mit aufgesperrtem

 

rachen und lässt den atem durch die lücken seiner zähne

streichen. ein wagen schleppt die regenfeuchte wie trauer

an den sommerreifen nach. ist auch der himmel wieder

 

reingewaschen und von so leichter heiterkeit: dein tier

ist müde, will nicht mehr. und es erzählen immerzu

die pappeln und einmal blüht die königin der nacht.

 

 

M. Bonné/T. Schulz (Hg.): Trakl und wir. Fünfzig Blicke in einen Opal

Stiftung Lyrik Kabinett München 2014

 

 

im September

Kenah Cusanit: Zwetschgen

 

Das Gegenteil der Stachelbeere. Als Baum, als

Liebende. Gibt ihr Herz leicht dem, der es wegträgt.

Verlässt den Garten daher zügig und verfällt dort

in Paaralleen, wo Bauern ihre Felder getrennt halten

müssen. Die Zahl der Kaninchen, die über die Jahre

(Hunderte) unter einem Zwetschgenbaum ihren Bau

anlegten, ist nicht bekannt. Zahlen, untained by

men´s misery. Nicht das Feld, which is Nature´s, im

genossenschaftlichen Sinne.

 

 

Buchwald/Bleutge (Hg.): Jahrbuch der Lyrik 2018, Schöffling Verlag

 

 

im August

Arne Rautenberg: kreuzottern

 

der fruchtgeist versteckt zwischen birne banane

in einer dänischen joghurtpackung ich radle ihm nach

durch die dünenlandschaft zum supermarkt wahnsinnig

heiß heut den stimmen im friedhof des kopfes

gesellt sich ein klopfen bei herzschlag des bodens da

vor dem rollenden damenrad kräuselt sich ich

bremse eine kreuzotter erst schockstarre dann flucht

 

bewegung in wellen ein rauschen

in die auflaufende flut aus der welt gefallener lektüre

über den englischen adel im frühen 18. jahrhundert

steig ich abermals aufs rad und rolle durch

den glutsommer an den strand da in einer einfahrt

nimmt ein mann eine kreuzotter mit dem stock

auf wie ein endlos fallendes fragezeichen

 

 

Arne Rautenberg: permafrost. Gedichte. Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2019

 

 

im Juli

Christoph W. Bauer: vom himmel ist noch kein nazi gefallen

 

vom himmel ist noch kein nazi gefallen

  und prediger gab es zu allen zeiten

    so in etwa funktioniert geschichte

  wo eine kanzel da ein ziel

 

der unverstand findet immerzu vasallen

  die einem anstifter den weg bereiten

    dazu beständig aktuelle berichte

  wie es der torheit seit je gefiel

 

die agitation will ihre minister bestallen

  und sie besolden mit wichtigkeiten

    schon agieren die schnellgerichte

  einer muss weg ist zu viel

 

vom himmel ist noch kein nazi gefallen

  und dummheit gab es zu allen zeiten

    ich setz dagegen meine gedichte

  keine kanzel aber ein ziel

 

 

Christoph W. Bauer: stromern. Gedichte. Haymon Verlag, Innsbruck Wien 2015

 

 

im Juni

Christine Lavant: Knüpf mein Fühlen ineinander

 

Knüpf mein Fühlen ineinander

schwarz und gelben Salamander

Traurigkeit und Mut.

Wirst du wieder gut

wenn ich jetzt mein Leben biege

sanft zur Nacht- und Tageswiege

für dein krankes Herz?

Schau welch blauer Schmerz

schon wie Seide in mich gleitet

und der Salamander breitet

sich als Kissen hin.

Soll ich niederknien

und ein wenig für dich beten

dass die Engel zu dir treten

wenn du mich nicht magst?

Im Geruch der Wildkamille

weht mein sanftgewordner Wille

bis du nach mir fragst.

 

 

Christine Lavant: Gedichte aus dem Nachlass. Wallstein Verlag, Göttingen 2017

 

 

im Mai

Christine Kappe: Auf dem Dach

 

Es hing ein Kuli an der Wäscheleine und las mir Gedichte vor,

bis das Licht nicht mehr reichte. Ich hörte nicht den genauen Sinn

seiner Worte, und er las nicht genau das, was da stand. Aber ich

wusste, dass ich es mit einem historischen Moment zu tun hatte,

mit einem unentdeckten Genie und einem Tag, an dem ich das

Schreiben endgültig ihm überlassen hatte.

 

 

Buchwald/Bonné (Hg.): Jahrbuch der Lyrik 2019, Schöffling & Co, Frankfurt a.M. 2019

 

 

im April

Kathrin Schmidt: immerdar

 

das sank von den klippen. das holperte dem sandigen

strandstreifen davon. wir hofften noch, das würde schon

sterben, doch war das im grunde nicht denkbar. wir sahen

das kommen: im gehen würde sich das längst nicht

erledigt haben. das bliebe so bucklicht unter dem sonnenapfel,

der mondbeere. das überdauerte uns.

 

 

Kathrin Schmidt/Andrea Lange, LyrikHeft 26. Sonnenberg-Presse, Kemberg 2019

 

 

im März

Tzveta Sofronieva: Geborgenheit

 

I.

Wieder die frisch vorbereiteten Nudeln, geknetet,

dünn ausgerollt, ein Wunder aus Mehl und Salz.

In der Trockenheit sehen sie bald wie geröstet aus.

Zergehen später auf der Zunge, mit Tomaten und Bärlauch,

in Erinnerung an ein altes, italienisches Rezept

während einer Grippe im Mai.

Ist es das, was die Familie um den Tisch versammelt?

Vielleicht auch der Sonntag, das Wetter, irgendwelche Träume.

 

II.

Beim Einschlafen schreibe ich die wichtigsten Briefe,

morgens werden sie mit den Kopfkissenbezügen gewaschen,

gelangen durch das Grundwasser in den Himmel und regnen

genau an den Orten aus, für die sie gedacht waren.

Ist es das, was Freunde verbindet?

 

 

aus: Michael Krüger / Holger Pils (Hg.): Im Grunde wäre ich lieber Gedicht

Carl Hanser Verlag / Lyrik Kabinett, München 2019

 

 

im Februar

Nancy Hünger: Hast du überlegt was

 

(für und mit und nach C.D. Wright)

 

es heißt jede Scham öffentlich zu tauschen

gegen Brot gegen Armut gegen Rosen gegen

ein lausiges Alphabet es fehlen schon Staben

aber ich dinge mich aus und zahle immer bar

mit zehn Prozent Verzweiflung spare ich auf

die Zähne meiner Freunde wenn es sein muss

stopfe ich ihre Schulden mit Rosen und rette

ihre Kinder sollen später keine Gedichte werden

es besser haben als meine zahnlosen Freunde

die ihre Körper in Spiritus tränken ihre Sprache

um Feuer bitten wenn die Finsternisse wieder

ihre ungeschorenen Köpfe umkreischen noch

ist das Messer aus Holz und der Tod ein Zitat

am Ende der Lebensläufe belehrt ein Vermerk

man hat uns nichts versprochen also essen wir

unseren Laib Sprache solange wir verhungern

wird unsere Liebe die Welt nicht verlassen

 

 

in: Aus Mangel an Beweisen. Deutsche Lyrik 2008-2018

hrsg. von Michael Braun und Hans Thill, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2018

 

 

im Januar

Elisabeth Borchers: Zimmer 48

 

Ich harre aus

bis der Regen nachläßt

bis der Abend kommt

bis es an die Tür klopft

und eintritt der Engel

mit seinem Gefolge

 

Ich harre aus

bis die Gedichte von Rózewicz gelesen sind

und ich wieder weiß

ohne Liebe ist auch das Gedicht

vergeblich

 

 

in: Michael Krüger / Holger Pils (Hg.): Im Grunde wäre ich lieber Gedicht.

Hanser / Lyrik Kabinett, München 2019