im August

Günter Eich: Ende August

 

Mit weißen Bäuchen hängen die toten Fische

zwischen Entengrütze und Schilf.

Die Krähen haben Flügel, dem Tod zu entrinnen.

Manchmal weiß ich, daß Gott

am meisten sich sorgt um das Dasein der Schnecke.

Er baut ihr ein Haus. Uns aber liebt er nicht.

 

Eine weiße Staubfahne zieht am Abend der Omnibus,

wenn er die Fußballmannschaft heimfährt.

Der Mond glänzt im Weidengestrüpp,

vereint mit dem Abendstern.

Wie nahe bist du, Unsterblichkeit, im Fledermausflügel,

im Scheinwerfer-Augenpaar,

das den Hügel herab sich naht.

 

 

in: Der magische Weg. Deutsche Naturlyrik des 20. Jahrhunderts, Reclam Leipzig 2003

Herausgegeben von Ursula Heukenkamp

 

 

im Juli

Sarah Kirsch: Stimmen

 

Nun stehe ich auf und gehe ich gehe

Bis Gardskagi hin um Mitternacht

Ist es dort hell und ich höre

Das Meer an die Küste schlagen.

Wer seid ihr brüchige Stimmen was geht ihr

Als Hirsche verkleidet umher wer oder was

Seid ihr ihr kennt keinen Tod.

 

 

Sarah Kirsch: Ich Crusoe. Sechzig Gedichte und sechs Aquarelle

Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1995

 

 

im Juni

Friedrike Mayröcker: ausgerasselte Sprache

 

ICH WERDE EINE PALME, NIZZA PALME /

ich werde eine Palme auf meinem Dachgarten pflanzen

die wird palmfingrig : mit schattigem Hauchen

mir etwas von dem vermitteln was ich vermittelt bekam

in meinen frühen Jahren in D., neben dem Ziehbrunnen.

In einer anderen Strophe, sage ich, läßt sich künden

daß alles basiert auf einer lichtgrünen Träne,

einem fast Entschweben ins Juniblau, einer Verwandlung,

nämlich dem Vorgefühl einer strengen Auflösung

wie sie uns allen bevorsteht

 

 

Friederike Mayröcker: Notizen auf einem Kamel. Gedichte 1991 - 1996

Suhrkamp Verlag Frankfurt a. Main 1996

 

 

im Mai

Arne Rautenberg: bediademe dich

 

den einen laufen die flaschen aus

von der wiege bis zur fledermaus

andere löffeln ihre fluchten

derweil sie soaps und dramen suchten

im wohlstandskabinett

und werden dabei fett

 

das bild des fleischs als droge

nackte paarungsmonologe

im handy incognitomodus

köpfe und körper im exodus

die bloße wrackigkeit des seins

blassblau kalt im feuerschein

 

betrunkene wälder oh bienenblitz

der glitch der gegenwart als witz

das alles sind nur wachsausgaben

von dingen die sich vollendet haben

streifst du da durch so schäm dich nicht

sondern bediademe dich

 

 

Arne Rautenberg: betrunkene wälder. Gedichte. Wunderhorn, Heidelberg 2021

 

 

im April

Olga Martynova: Die Tragödie

 

Der Chor geht nach links-links, dann nach rechts-rechts.

Ah, denkt doch nur, spricht er, was nicht alles passiert,

Die Bösewichter ereilt ihre Strafe,

Aber sie, das arme Ding, tut uns leid, was hat er sich bloß gedacht,

Von nun an hat er nicht Glück noch Ruh.

 

Der Chor geht nach rechts-rechts, dann nach links-links,

Das ganze Leben wird in den Kokon aus monotonem Getöse verbracht.

Er hat gar nichts verstanden, der Chor, das Meer leckt die Stapfen, die sein Singsang                                                                                                                   tritt, auf,

Gleicht sich an seinem Gang, denkt auch ans Eigene,

Jeder hat ja genug zu schaffen, mit Gutem wie mit Schlechtem.

 

Der Chor tröstet, bemitleidet, nicht, daß er heuchelt,

Aber wie sonst käme er mit seinen Sorgen zurecht,

Ein Schatten auf Filzlatschen-Skiern gleitet um die Museumstür,

Sachlich wie eine Fliege, es riecht nach dunkler Zypresse,

Erwärmt von der Sonnenglut, nach dem ätzenden Schweiß des Boten.

 

 

Olga Martynova: Brief an die Zypressen. Gedichte.

Übersetzung aus dem Russischen von Elke Erb und Olga Martynova

Rimbaud, Aachen 2001

 

 

im März

Dieter M. Gräf: Der tote Vogel

 

du hast diesen toten Vogel in die Hände genommen

_________

 

deine Hände, nah

 

wie der Tod, denn ich sehe dich zweifach &

mich: als den toten Vogel, als den, der dir schreibt.

Ein-aus: verrückt sein vor Atem

 

bist jetzt so zart

 

Wohin vergräbst du an anderen Tagen deine Güte?

Wer, wenn nicht du, bist die Beschützerin der Welt?

 

_________

 

du bist so kostbar   wie alle aufgerissenen Fenster

zusammen,               wie die ganze Luft

 

du fehlst mir so sehr

 

 

Dieter M. Gräf: Falsches Rot. Gedichte und Fotos. Brüterich Press, Berlin 2018

 

 

im Februar

Karin Fellner: Federung, komplementär

 

Wenn eins sich verliert ins Driften, über den Block und weg,

steht´s andere vielgliedrig im Alltagssturm, hält fest.

 

Wird´s andere k-fach knotig, knurrt und verkrallt,

streicht eins alle Zollstationen aus dem nächtlichen Wald.

 

Entfernen eins und´s andere sich voneinander, zieht

etwas hin, zu, zurück an jedem disjunkten Weg.

 

Sagen eins und´s andere zugleich: "Du bist mein Ko."

(ergänze: -sen, -libri, -bold.)

 

 

Karin Fellner: eins: zum andern. Gedichte. parasitenpresse, Köln 2019

 

 

im Januar

Gioconda Belli: Relativitätsgeheimnis

 

Manchmal erwache ich

und denke, das Geheimnis des Traums

wohnt hinter der angelehnten Tür

Seite an Seite mit der Unordnung des Zimmers

in dem der Morgen vergeht.

Ich bewege mich langsam vor den reglosen Möbeln

und warte auf die seltsamen Frauen mit den wechselnden Gesichtern

das Geräusch ihrer schleppenden Kleider

die langen Schatten der Männer in den spiegelnden Scheiben.

Fast höre ich die gelehrten Gespräche rings um den Tisch

spüre den fahlen Schein der Kerzen.

Ich zwinge mich zur Arbeit

verweigere die Wahrnehmung des anderen Universums das mich streift.

Wenn ich nur ein wenig die Tür öffne

läßt mich der Geruch der Fasane

die Angst vor der unmöglichen Realität der relativen Räume

sie heftig wieder schließen

mit der Panik des Wissenschaftlers vor einem schwarzen Loch.

Da ziehe ich es vor in den Lärm der Frühstücksteller zu fliehen

und vorsichtig die großen Zimmer

zu versiegeln

in denen andere Zeiten

foppend

verstreichen.

 

 

Gioconda Belli: In der Farbe des Morgens. Gedichte

Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1992