im Mai
Erna Holleis: Ich hatte
Einen Garten samt
Heulüftchen
Kind ward Kalb durfte
einen Vogel frei
Hände voll Bibernell
Kranewitt und
Zitronen falten im
Sträußerlmeer
Anton G. Leitner/Gabriele Trinckler (Hg.): Im Garten der Poesie
dtv, München 2006
im April
Charles Simic: Eternity's Orphans
One night you and I were walking.
The moon was so bright
We could see the path under the trees.
Then the clouds came and hid it
So we had to grope our way
Till we felt the sand under our bare feet,
And heard the pounding waves.
Do you remember telling me,
"Everything outside this moment is a lie"?
We were undressing in the dark
Right at the water's edge
When I slipped the watch off my wrist
And without being seen or saying
Anything in reply, I threw it into the sea.
Charles Simic: That Little Something. Poems
Mariner Books, Boston / New York 2009
im März
Rose Ausländer: Schatten
Mein schwarzer Riese
den Sonnenlanzen gewachsen
schlägt auf
ein Zelt
Da ziehen wir ein
da haben wir eine
kühle Küche
Ich braue den Rosentee
ich löffle ein Fenster
aus dem Licht
von meinem Riesen beschützt
Joachim Schultz (Hg.): Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet
dtv, Muenchen 1994
im Februar
Anke Bastrop
das bin ich. das ist der Wagen, den ich schiebe
das das Kissen, in dem es schläft
weiß, weiß wie Milch
das bin ich. das ist mein Kind, ein gerade neu
entdeckter Planet
gebettet in ein weißes Kissen
wir kreisen auf den Bahnen, die nichts wissen
Ron Winkler (Hg.): Weißabgleich. Gedichte. edition keiper, Graz 2025
im Januar
Johann P. Tammen: Beutestrecke, landeinwärts
I
Da dieser Schnee und mault schnee
weiß und hört den Schnee matt
auf sich fallen und fühlt sich an
wie Sackleinen ist grau und trost
los und bestellt nun schon den xten
Bleib-mir-treu-Aufguß und stapelt
hoch nun abermals bis rauf zum
Fensterbrett: Schnee mit Pfoten
augen in denen sich graupelnd
Licht verliert.
Johann P. Tammen: Wetterpapiere. Gedichte. Edition Postskriptum
zu Klampen, Lüneburg 1998