im Mai

Christine Kappe: Auf dem Dach

 

Es hing ein Kuli an der Wäscheleine und las mir Gedichte vor,

bis das Licht nicht mehr reichte. Ich hörte nicht den genauen Sinn

seiner Worte, und er las nicht genau das, was da stand. Aber ich

wusste, dass ich es mit einem historischen Moment zu tun hatte,

mit einem unentdeckten Genie und einem Tag, an dem ich das

Schreiben endgültig ihm überlassen hatte.

 

 

Buchwald/Bonné (Hg.): Jahrbuch der Lyrik 2019, Schöffling & Co, Frankfurt a.M. 2019

 

 

im April

Kathrin Schmidt: immerdar

 

das sank von den klippen. das holperte dem sandigen

strandstreifen davon. wir hofften noch, das würde schon

sterben, doch war das im grunde nicht denkbar. wir sahen

das kommen: im gehen würde sich das längst nicht

erledigt haben. das bliebe so bucklicht unter dem sonnenapfel,

der mondbeere. das überdauerte uns.

 

 

Kathrin Schmidt/Andrea Lange, LyrikHeft 26. Sonnenberg-Presse, Kemberg 2019

 

 

im März

Tzveta Sofronieva: Geborgenheit

 

I.

Wieder die frisch vorbereiteten Nudeln, geknetet,

dünn ausgerollt, ein Wunder aus Mehl und Salz.

In der Trockenheit sehen sie bald wie geröstet aus.

Zergehen später auf der Zunge, mit Tomaten und Bärlauch,

in Erinnerung an ein altes, italienisches Rezept

während einer Grippe im Mai.

Ist es das, was die Familie um den Tisch versammelt?

Vielleicht auch der Sonntag, das Wetter, irgendwelche Träume.

 

II.

Beim Einschlafen schreibe ich die wichtigsten Briefe,

morgens werden sie mit den Kopfkissenbezügen gewaschen,

gelangen durch das Grundwasser in den Himmel und regnen

genau an den Orten aus, für die sie gedacht waren.

Ist es das, was Freunde verbindet?

 

 

aus: Michael Krüger / Holger Pils (Hg.): Im Grunde wäre ich lieber Gedicht

Carl Hanser Verlag / Lyrik Kabinett, München 2019

 

 

im Februar

Nancy Hünger: Hast du überlegt was

 

(für und mit und nach C.D. Wright)

 

es heißt jede Scham öffentlich zu tauschen

gegen Brot gegen Armut gegen Rosen gegen

ein lausiges Alphabet es fehlen schon Staben

aber ich dinge mich aus und zahle immer bar

mit zehn Prozent Verzweiflung spare ich auf

die Zähne meiner Freunde wenn es sein muss

stopfe ich ihre Schulden mit Rosen und rette

ihre Kinder sollen später keine Gedichte werden

es besser haben als meine zahnlosen Freunde

die ihre Körper in Spiritus tränken ihre Sprache

um Feuer bitten wenn die Finsternisse wieder

ihre ungeschorenen Köpfe umkreischen noch

ist das Messer aus Holz und der Tod ein Zitat

am Ende der Lebensläufe belehrt ein Vermerk

man hat uns nichts versprochen also essen wir

unseren Laib Sprache solange wir verhungern

wird unsere Liebe die Welt nicht verlassen

 

 

in: Aus Mangel an Beweisen. Deutsche Lyrik 2008-2018

hrsg. von Michael Braun und Hans Thill, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2018

 

 

im Januar

Elisabeth Borchers: Zimmer 48

 

Ich harre aus

bis der Regen nachläßt

bis der Abend kommt

bis es an die Tür klopft

und eintritt der Engel

mit seinem Gefolge

 

Ich harre aus

bis die Gedichte von Rózewicz gelesen sind

und ich wieder weiß

ohne Liebe ist auch das Gedicht

vergeblich

 

 

in: Michael Krüger / Holger Pils (Hg.): Im Grunde wäre ich lieber Gedicht.

Hanser / Lyrik Kabinett, München 2019