im Mai

Ulrich Koch: Vage Erinnerungen

 

das echte Heimweh

über dem man einschlief

wie ein Mantel am Haken

 

jener verlorene Handschuh

in der erleuchteten Telefonzelle

der niemandem mehr passte

 

"Schinken Abraham"

 

die Gesichter der ältesten Verwandten

und wie sie etwas sagten

wenn sie nichts sagten

während die Vogelscheuche im Garten

ein Schattenkreuz warf

aus Stroh

 

"Luther Eisenhandel"

 

so wird es nie wieder

und dann immer so bleiben

 

 

aus: Julietta Fix (Hg.), Ein Bild von einem Gedicht

fixpoetry lesehefte n° 14, Klingenberg 2009

 

 

im April

Peter Piontek: Rückblickend St. Gallen

 

Nebel talabstreichend seezu im

Licht im Leuchten Läuten

Sunset Abendland das Wort

Ersparnisanstalt

 

Der Sandmann nicht der alte

Pagenstecher kommt

flink op de Finken will den Blick

uns wenden singt Tuotilo

 

oder worin liegt

das subversive Moment des

sagen wir 130. Psalms

 

eine Geschichte auf Erden

eine ganz und gar irdische

Geschichte auf Erden

 

 

aus: Aus dem Fliegenglas. Gedichte. Wehrhahn Verlag, Hannover 2010

 

 

im März

Brigitta Falkner:

"Schöner Witz." - "Unbedeutend."

 

"Er scheint unbedeutend." Zwo

Tuben (dies zu den Wörtchen

>zwo Tuben<). Rechts, die Dünne,

wurde benutzt; - die schönen

Wörtchen indes benutze DU

DICHTER! (deute neben uns - zwo

Schundworte benutze): Deine

zwo B e d e u t e n d e n unter sich;

zwo dünne Dichterbüsten,

buchstützendienend - "O wer ...?"

Buch des Dozenten. Unweit er ...

Unten der Bewuszte noch die

Zwoten sucht - denn: >Über die

Duo-Tendenz bei Würstchen &

Brüstchen<. Ein, zwo - deutend

er den Tuben sich zuwendet (o

zuwendet!) Unterdes ich oben

den (o den!) Witz suche, brüten

zwei Studentchen drüben (o

deuten!) den zwoten Rebus. "Ich -"

(o ich!) endet nun der bewuszte

Dozent & endet wie unser Buch

(o Buch!) nie enden würde -; setzt

ein Ende & subwuchert zotend:

der Dozent. - "Eine Wunschtube?"

 

 

Brigitta Falkner: BUNTE TUBEN. Anagramm

Urs Engeler Editor, Basel / Weil am Rhein 2004

 

 

im Februar

Tristan Marquardt:

zeit für umschulung, dressur, der kurs heißt kuschelkurs und

 

fuhr soeben mit dem taxi in den tunnel. gib zu, du wusstest nicht,

warum vertrauensbildende maßnahmen deinen sitz vorgewärmt

hatten. fragtest den fahrer, er bat um geständnis. also bitte: licht

ist leichter als schatten, akklimatisierung aber kennt kein gewicht.

gewiss. doch was heißt dann, sich entwöhnt zu haben? dumme

frage? gibt es nicht. wenn also wahr ist, dass nach der saison die

unzeit kommt, wo befinden wir uns jetzt? an welchem punkt einer

freundschaft erklärt man die vergangenheit zur leitidee? und wann

springt der hund aus dem fahrenden auto? warte mal. niemand

springt jetzt aus irgendeinem auto - ist das klar? alles schweigt,

nur das taxometer schweigt mit sich selbst. nichts traut nichts

über den weg, obwohl es nur einen weg gibt. und alles ist keine

gruppe. woran sich die augen längst schon gewöhnt haben. schein-

werfer, was hinter ihnen liegt, so viel ist sicher, kein licht. und du,

nur fragen im blick, kannst dirs nicht merken. nimm die brücke,

dressur. dass dieser tunnel, als dessen schüler wir uns zu fühlen

begonnen haben, beendet und als straße fortgeführt werden wird.

 

 

aus: das amortisiert sich nicht. kookbooks, Berlin 2013

 

 

im Januar

Marion Poschmann: Umnachtungen

 

heimleuchten, Einsamkeit,

Dunkel so dicht, dass es funkelt, und

 

Reiz-Reaktions-Schema: "an dir entzündet"

die stiebenden Lippen, knisternden Finger,

wie Chinakracher zwei Körper die lautstark

 

sacken aus seltsamen Fallhöhen, sanftmütig

zeichnen sich Dinge ab,

Türen und Schränke, die offenen Ränder,

die Schatten von Anfang und Ende -

zersprühende Wunderkerzen: so sind wir und brennen

die Jahre ab - black box: die Seele

in schwarzen Tapeten,

 

der Kronleuchter ausgelöscht, ohne einander

sind wir verschlossene Kammern

in denen es finster ist

 

 

aus: Verschlossene Kammern. zu Klampen, Lüneburg 2002