im Juli

Christoph W. Bauer: vom himmel ist noch kein nazi gefallen

 

vom himmel ist noch kein nazi gefallen

  und prediger gab es zu allen zeiten

    so in etwa funktioniert geschichte

  wo eine kanzel da ein ziel

 

der unverstand findet immerzu vasallen

  die einem anstifter den weg bereiten

    dazu beständig aktuelle berichte

  wie es der torheit seit je gefiel

 

die agitation will ihre minister bestallen

  und sie besolden mit wichtigkeiten

    schon agieren die schnellgerichte

  einer muss weg ist zu viel

 

vom himmel ist noch kein nazi gefallen

  und dummheit gab es zu allen zeiten

    ich setz dagegen meine gedichte

  keine kanzel aber ein ziel

 

 

Christoph W. Bauer: stromern. Gedichte. Haymon Verlag, Innsbruck Wien 2015

 

 

im Juni

Christine Lavant: Knüpf mein Fühlen ineinander

 

Knüpf mein Fühlen ineinander

schwarz und gelben Salamander

Traurigkeit und Mut.

Wirst du wieder gut

wenn ich jetzt mein Leben biege

sanft zur Nacht- und Tageswiege

für dein krankes Herz?

Schau welch blauer Schmerz

schon wie Seide in mich gleitet

und der Salamander breitet

sich als Kissen hin.

Soll ich niederknien

und ein wenig für dich beten

dass die Engel zu dir treten

wenn du mich nicht magst?

Im Geruch der Wildkamille

weht mein sanftgewordner Wille

bis du nach mir fragst.

 

 

Christine Lavant: Gedichte aus dem Nachlass. Wallstein Verlag, Göttingen 2017

 

 

im Mai

Christine Kappe: Auf dem Dach

 

Es hing ein Kuli an der Wäscheleine und las mir Gedichte vor,

bis das Licht nicht mehr reichte. Ich hörte nicht den genauen Sinn

seiner Worte, und er las nicht genau das, was da stand. Aber ich

wusste, dass ich es mit einem historischen Moment zu tun hatte,

mit einem unentdeckten Genie und einem Tag, an dem ich das

Schreiben endgültig ihm überlassen hatte.

 

 

Buchwald/Bonné (Hg.): Jahrbuch der Lyrik 2019, Schöffling & Co, Frankfurt a.M. 2019

 

 

im April

Kathrin Schmidt: immerdar

 

das sank von den klippen. das holperte dem sandigen

strandstreifen davon. wir hofften noch, das würde schon

sterben, doch war das im grunde nicht denkbar. wir sahen

das kommen: im gehen würde sich das längst nicht

erledigt haben. das bliebe so bucklicht unter dem sonnenapfel,

der mondbeere. das überdauerte uns.

 

 

Kathrin Schmidt/Andrea Lange, LyrikHeft 26. Sonnenberg-Presse, Kemberg 2019

 

 

im März

Tzveta Sofronieva: Geborgenheit

 

I.

Wieder die frisch vorbereiteten Nudeln, geknetet,

dünn ausgerollt, ein Wunder aus Mehl und Salz.

In der Trockenheit sehen sie bald wie geröstet aus.

Zergehen später auf der Zunge, mit Tomaten und Bärlauch,

in Erinnerung an ein altes, italienisches Rezept

während einer Grippe im Mai.

Ist es das, was die Familie um den Tisch versammelt?

Vielleicht auch der Sonntag, das Wetter, irgendwelche Träume.

 

II.

Beim Einschlafen schreibe ich die wichtigsten Briefe,

morgens werden sie mit den Kopfkissenbezügen gewaschen,

gelangen durch das Grundwasser in den Himmel und regnen

genau an den Orten aus, für die sie gedacht waren.

Ist es das, was Freunde verbindet?

 

 

aus: Michael Krüger / Holger Pils (Hg.): Im Grunde wäre ich lieber Gedicht

Carl Hanser Verlag / Lyrik Kabinett, München 2019

 

 

im Februar

Nancy Hünger: Hast du überlegt was

 

(für und mit und nach C.D. Wright)

 

es heißt jede Scham öffentlich zu tauschen

gegen Brot gegen Armut gegen Rosen gegen

ein lausiges Alphabet es fehlen schon Staben

aber ich dinge mich aus und zahle immer bar

mit zehn Prozent Verzweiflung spare ich auf

die Zähne meiner Freunde wenn es sein muss

stopfe ich ihre Schulden mit Rosen und rette

ihre Kinder sollen später keine Gedichte werden

es besser haben als meine zahnlosen Freunde

die ihre Körper in Spiritus tränken ihre Sprache

um Feuer bitten wenn die Finsternisse wieder

ihre ungeschorenen Köpfe umkreischen noch

ist das Messer aus Holz und der Tod ein Zitat

am Ende der Lebensläufe belehrt ein Vermerk

man hat uns nichts versprochen also essen wir

unseren Laib Sprache solange wir verhungern

wird unsere Liebe die Welt nicht verlassen

 

 

in: Aus Mangel an Beweisen. Deutsche Lyrik 2008-2018

hrsg. von Michael Braun und Hans Thill, Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2018

 

 

im Januar

Elisabeth Borchers: Zimmer 48

 

Ich harre aus

bis der Regen nachläßt

bis der Abend kommt

bis es an die Tür klopft

und eintritt der Engel

mit seinem Gefolge

 

Ich harre aus

bis die Gedichte von Rózewicz gelesen sind

und ich wieder weiß

ohne Liebe ist auch das Gedicht

vergeblich

 

 

in: Michael Krüger / Holger Pils (Hg.): Im Grunde wäre ich lieber Gedicht.

Hanser / Lyrik Kabinett, München 2019