im Oktober

Maia Sarishvili: ***

 

Selbst wenn wir uns verstecken wollten,

Von wo es kein Zurück mehr gibt,

Werden wir - wie Morgentau -

Jeden Morgen hier erwachen,

In unseren weichen Betten,

Die auftreibenden Rosen ähneln,

Alle Dinge laufen uns davon

Und wenn wir sie nicht

Gleich früh morgens jagen,

Kriegen wir sie niemals wieder.

Auch der Staub ist hinter ihnen her,

Um sie zu bedecken,

Auch das Alte ihnen auf der Spur -

Um sie zu beruhigen

Und stumm zu machen.

Und am Ende liegen die gehetzten Dinge

In unsern Zimmern da

Wie Hieroglyphen,

Wie ein Haus, das man nicht lesen kann.

Die nächste Seite aufgeschlagen, heißt es da,

Eure Geschichten, lest sie vor!

Aber ich habe keine nächste Seite.

Meine Poren sind ein Ziegelofen

Und darin liegen unsere armen Kinder

Liegen dort mit halbem Leib,

Damit wir schöne Lügen backen,

Als ob ich bei euch wäre,

Kummer hätte.

Und der Abendnebel, wie ein Löschpapier,

Saugt Unerzähltes aus den öden Tagen.

Schau her, wie aufgeräumt

Es in mir ist.

 

aus dem Georgischen von Norbert Hummelt

 

Ralf-Rainer Rygulla / Marco Sagurna (Hg.): Der Osten leuchtet. Poetische Töne aus Osteuropa. Axel Dielmann Verlag, Frankfurt a.M. 2022

 

 

im September

Don Coles: Sommerabend am See

 

Ich male sie, wie sie zwischen

weißen Birken steht und das breite Band

des Mondscheins auf dem Wasser betrachtet.

 

Sogar von hinten gibt es

eindeutig eine Ähnlichkeit mit

der Unbekannten, nach der ich mich sehne.

 

Das liegt zum Teil an dem, was sie tut.

 

Natürlich habe ich mich nach ihrem Gesicht

gefragt. Ich habe mit meinem farbgetränkten Pinsel

in seiner Nähe gestikuliert.

 

Aber ich hatte Angst, es sei tränennaß.

 

 

Don Coles: Die weißen Körper der Engel. Gedichte. Ausgewählt und übertragen von Margitt Lehbert. Edition Rugerup, Hörby / Schweden 2007

 

 

im August

Peter Gizzi: Protestsong

 

Dies ist keine Liebeserklärung oder Kriegslied
kein Traktat, Autonym oder Apologie

 

Dies hift kein Stück sollten Kinder im Sterben liegen
keine Antwort auf dem Weg in den Staub

 

Weder eine Mobilisierungshymne noch eine flatternde Flagge

wird die Toten zurückholen, ihre Asche in der Luft

 

Dies ist kein Verband oder Versorgungszelt

keine Erleichterung oder anschließender Schlaf

 

Kein Kranz, Flieder oder Lorbeerzweig

kein Garten irdischer Genüsse

 

 

deutsch von Jan Skudlarek

in: Peter Gizzi: Totsein ist gut in Amerika. Gedichte. luxbooks, Wiesbaden 2012

 

 

im Juli

Özlem Özgül Dündar: wir arbeiten uns

 

u wie wir uns mit hochdruck

nähern der zugspitze jeder sc

hritt erfordert den vorangeg

angenen u wir arbeiten uns a

b unermüdlich u bauen die w

orte aufeinander wir betätig

en die hebel die uns zum sc

hweigen bringen u die worte

kristallisieren in der luft u a

alglatt wie ein gletscher strei

fen wir

 

 

Özlem Özgül Dündar: GEDANKEN ZERREN. Gedichte. Elif Verlag. Vierte Auflage 2021

 

 

im Juni

Karin Fellner: Entbehrung

 

"Nothing is real", sagt Lear und leert seinen Bierkrug.

Inflationäre Kurven, zu Tal fahren alle,

eine rasante Belehrung in Sachen Bescheidenheit.

 

"Beschneiden wir doch einfach die Population",

schlägt Cordelia vor, "hier und hier und hier."

 

Altar- und Bürzelträger deklinieren im Chor:

"Strafbeeren, den Strafbeeren, der Strafbeeren Farce u-uh ..."

 

"Nehmt dieses Bisschen", sagt Lear und öffnet die Hand,

drin ein Stück Trockengrütze, "und denket beim Biss hinein

nicht schon daran, was morgen zum Beißen euch fehlen könnte."

 

"Wie wärs", sagt Cordelia, "wenn wir zusammen walken?
Ich walke dich, du mich!"

"Wohin?"

"Zum hohen Brot ..."

 

 

in: Axel Kutsch (Hg.) Versnetze_14. Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2021

 

 

im Mai

Ilma Rakusa: Rückgrat

 

Rückgrat denk ich

wer hat noch Rückgrat

in diesen krummen Zeiten

wenn Lügen blühen 

wie Päonien

aufgerissenes Maul

viel Schaum etc.

schau: der Mond ist nicht

gezinkt der Waldrand

hält die Fresse alles still

normal die Nacht

sie wird dich nicht verlachen

sie hat noch Stil

ein Quäntchen Eleganz

auch wenn es schwärzer wird

wie schwarz? fragst du
als ob es Steigerungen gäbe

von Pech zu Pech

Rückgrat also

du bist kein Falter

kein Windhahn (rechts mal links)

die Nacht steht ihre Frau

sie steht

(es werde Licht)

 

 

in: M. Kniep, N. Küchenmeister (Hg.), Jahrbuch der Lyrik 2022

Schöffling & Co., Frankfurt a.M. 2022

 

 

im April

Aleksei Bobrovnikov: Ruhewagen

 

Ein Ruhewagen
in dem die Stille bricht.

Der Schrei eines Neugeborenen, der Furz eines alten Mannes.
Jedes Abteil voller Nadeln und Wertmarken.

Das diktatorische Gurgeln eines Klos.

 
Der Zug verwildert, taucht unter die jungen Pinien

pfeift seine alten Wiegenlieder durch die Tunnel.

Fabriken aus Stahl und still wie ein Minenfeld
am Fließband könnte man die Würmer wispern hören.

 

Ein ruhiger Karren
und eine gebrochene Vereinbarung

Versprechen, erfüllt oder gestoppt per Signal.


Der Mann mit der Mütze, die die Kleinsten so bewundern

schreit einen an, der ganz vorn in der Schlange steht:
„Hören Sie auf, das zu filmen!“

aber die Farben sind zu stark.

Was nicht zerbrochen ist, zermahlt die Ferne

auf der grauen Schaufel der Windmühle Zeit.

 

 

unveröffentlicht

deutsch von Sylvia Geist

 

 

im März

Olga Martynova: In der Zugluft Europas

 

Seltsam zu leben in der Zugluft Europas.

Überall undichte Stellen, die niemand mehr flickt.

Vierblättriger Wind spielt

Mit dem Tau nutzloser Träume.

 

Rissig der Halm - die Achse der Winde.

 

Die Karte nimmt alles hin

(Als wäre sie ohne Empfindung),

Ein Flickenmantel, an den Nähten zerrissen,

Und niemanden schert, was nackt darunter hervorblitzt

(Als wäre Europa, kurz vor dem Ende,

Gefallen ins verlorene Paradies.

Ein verwahrloster Garten, was sonst, mit zertrampelten Wiesen,

Die Blumen alle vertrocknet,

Nur Wind noch, nur fliegender Sand

Und Seufzer von uralten Ofenbänken ...)

 

... nicht durchzuhalten in dieser Zugluft

das epische Weiter und Weiter ...

 

nachgedichtet von Sabine Küchler

in: Leb wohl, lila Sommer. Gedichte aus Russland. Wunderhorn, Heidelberg 2004

 

 

im Februar

Ulrike Almut Sandig: so habe ich sagen gehört

 

hab sagen gehört, es gäb einen Ort

für alle verschwundenen Dinge, wie

 

die verschiedenen Sorten von Äpfeln

die Clowns und die Götter, darunter

 

auch jenen guten Gott von Manhattan

Karl-Marx-Stadt und Konstantinopel

 

Benares und Bombay und die Namen

von zu vielen Braunkohledörfern

 

befänden sich, hab ich sagen gehört

in der Mitte des Weißtannenwalds

 

der jede Schallwelle schluckt. der Ort

wär, so habe ich sagen gehört

auf keiner gültigen Karte verzeichnet.

 

 

Ulrike Almut Sandig: Dickicht. Schöffling & Co, Frankfurt a.M. 2011

 

 

im Januar

Björn Kuhligk: Nachdem wir den Baum schlugen

 

Nun ist die Erde zu taub, um Zäune

zu ziehen, wäre sie aufgeworfen

dampfte sie, eine Herde im Freilandgehege

 

wir gehen durch den Neuschneegarten

die Fährte, die wir hinterlassen, ist

schmal wie die stumpfe Seite einer Axt

 

 

Björn Kuhligk: Die Stille zwischen null und eins. Gedichte. Hanser Berlin 2013