im August

Klara Goldstein: Schreibst schon lange an einem Gedicht

 

Schreibst schon lange an einem Gedicht,

das fähig wäre, noch einzufangen,

was sich gegenseitig berührte,

so lautlos und blau,

wie in der Tiefe am Fuß eines Berges.

 

Doch derweil stelltst du fest,

dass es keine Synonyme gibt für das,

was geschieht,

und jede Metapher gleicht abgeplatztem Lack.

Was du hörst, reizt dich zum Husten.

 

Und du notierst dir ein paar Takte.

Es reicht hinter das Sein, ähnlich einer Infusion.

Es saugt sich sofort fest.

Plötzlich dringt eine Oboe durch die Wand der Kontrabässe,

als berührtest du das Unberührbare.

Und nirgends Worte - - -

Blind und fern

für das, was sprießt, was erstickt,

ziemlich für alles.

 

 

Klara Goldstein: Falkenfrau. Gedichte. Edition Rugerup 2026

 

 

im Juli

Galina Nikolova: manchmal kannst du mit dem zug so lange fahren

 

dass du an einen ort kommst

den du nicht erwartet hättest

nach den tunneln

die nicht auf deinem ticket standen

 

kannst bezahlen vor der tür einer toilette

die du nie betreten wirst

 

oder den ganzen rückweg lang

weichst du den rissen, löchern, rinnen aus

um in der stadt zu landen

aus der du abgehauen bist

gehst denselben gang

dieselben treppen hoch

wie in den vergangenen beiden jahren

 

stellst deine koffer ab

willst nach dem schlüssel kramen

nur um zu sehen

dass da die tür verschwunden ist

zu deinem vorigen leben

 

(nachgedichtet von Sylvia Geist)

 

Mirela Ivanova (Hg.): Balkanische Alphabete. Bulgarien

Wunderhorn, Heidelberg 2008

 

 

im Juni

Al Purdy: Depression in Namu, B.C.

 

The eagle's passage sings there

crossing the sky on a high wire

salmon leap to find their other selves

black bear amble to breakfast at the river

the sun floats thru a blue notch in the hills

 

There was never a time

I did not know about such a place

to match the imagined place in my mind

- but I have lived too long somewhere else

and beauty bores me without a slight ache

of ugliness that makes me want to change things

knowing it's possible

 

 

Al Purdy: Sex & Death. Poems. The Canadian Publishers McClelland and Stewart, 2nd Printing, Toronto 1974

 

 

im Mai

Erna Holleis: Ich hatte

 

Einen Garten samt

Heulüftchen

 

Kind ward Kalb durfte

einen Vogel frei

 

Hände voll Bibernell

Kranewitt und

 

Zitronen falten im

Sträußerlmeer

 

 

Anton G. Leitner/Gabriele Trinckler (Hg.): Im Garten der Poesie

dtv, München 2006

 

 

im April

Charles Simic: Eternity's Orphans

 

One night you and I were walking.

The moon was so bright

We could see the path under the trees.

Then the clouds came and hid it

So we had to grope our way

Till we felt the sand under our bare feet,

And heard the pounding waves.

 

Do you remember telling me,

"Everything outside this moment is a lie"?

We were undressing in the dark

Right at the water's edge

When I slipped the watch off my wrist

And without being seen or saying

Anything in reply, I threw it into the sea.

 

 

Charles Simic: That Little Something. Poems

Mariner Books, Boston / New York 2009

 

 

im März

Rose Ausländer: Schatten

 

Mein schwarzer Riese
den Sonnenlanzen gewachsen

schlägt auf

ein Zelt

 

Da ziehen wir ein

da haben wir eine

kühle Küche

 

Ich braue den Rosentee

ich löffle ein Fenster

aus dem Licht

von meinem Riesen beschützt

 

 

Joachim Schultz (Hg.): Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet

dtv, Muenchen 1994

 

 

im Februar

Anke Bastrop

 

das bin ich. das ist der Wagen, den ich schiebe

das das Kissen, in dem es schläft

weiß, weiß wie Milch

das bin ich. das ist mein Kind, ein gerade neu

entdeckter Planet

gebettet in ein weißes Kissen

wir kreisen auf den Bahnen, die nichts wissen

 

 

Ron Winkler (Hg.): Weißabgleich. Gedichte. edition keiper, Graz 2025

 

 

im Januar

Johann P. Tammen: Beutestrecke, landeinwärts

 

I

 

Da dieser Schnee   und mault schnee
weiß    und hört den Schnee matt

auf sich fallen   und fühlt sich an
wie Sackleinen    ist grau und trost
los und bestellt nun schon den xten
Bleib-mir-treu-Aufguß   und stapelt
hoch nun abermals bis rauf zum
Fensterbrett: Schnee mit Pfoten
augen in denen sich graupelnd
Licht verliert.


 

Johann P. Tammen: Wetterpapiere. Gedichte. Edition Postskriptum

zu Klampen, Lüneburg 1998